• Mit anderen Worten

    Auf der einen Seite ein biblischer Text, 1.Kön 19,1-13a, Predigttext für den Sonntag Okuli: Elias‘ Flucht zum Horeb bis zu dem Moment, als der Prophet, das „sanfte, leise Säuseln“ hörend, zögerlich und sein Gesicht in seinen Mantel hüllend aus seiner Höhle heraustritt und sich stellt. Auf der anderen Seite eine Liste mit 49 „großen Worten“, von A wie „Auferstehung“ bis Z wie „Zorn (Gottes)“. Auf dem Weg zu Predigt markieren sie eine Nötigung zur Beschränkung und damit eine Konfrontation mit der Unbeholfenheit.

    Wie kann es gehen ohne „große Worte“? Hier die Erzählung von einer Flucht in die Wüste und dort eine Aufzählung als Damm gegen die Flut großer Worte. Hier ein verfolgter Prophet auf der Flucht und dort eine Predigerin/ein Prediger vor dem „Fasten mit Worten“.1 Real unvergleichbare Situationen, in der Analogie aber stehen beide vor der Herausforderung des Verzichts. Vielleicht haben die, die diese Erzählung überliefert und aufgeschrieben haben schon ein Gespür dafür gehabt, auf dem Weg in die Wüste große Worte hinter sich lassen zu müssen. Bis auf den Namen Gottes, findet sich keines der indizierten „große Worte“ in diesem biblischen Text. Auch nicht große Vermittlungsgestalten, sondern unscheinbare „Boten“ die zur rechten Zeit da sind, sich dann aber wieder verflüchtigen. „Steh auf, iss!“ „Brot“, „Wasser“, „Essen und Trinken“, „Schlafen“, „die Kraft der Speise.“ Keine großen, sondern „kleingemahlene“ Wörter2, deren berührende Inhalte, und eben nicht nur vermittelte Informationsgehalte elementar mit der Situation der Bedürftigkeit verbunden bleiben. „Engel überbringen keine Botschaften: Sie verändern das Leben derer, an die sie sich wenden.“3

    Wie die Liste der 49 Wörter als eine Sehhilfe dient zum Aufspüren jener mit Vorsicht zu verwendenden „Großen Worte“, so ist auch 1.Kön 19 eine exemplarische Hinweis-Erzählung, um den Bedeutungsreichtum der Worte in der Situation des Verzichts freizubekommen. Bei den unspektakulären Worten des biblischen Textes bleiben, nicht die Zuflucht bei den großen Worten zu suchen, sondern sich beschränken lernen – und diese Beschränkung auszuhalten, sich ihr zu stellen. Auf „Große Worte des Glaubens“ zu verzichten bleibt eine kontextuell bezogene Herausforderung. Nicht nur die Gleichnishaftigkeit der in den Evangelien überlieferten Reden Jesu zeigen das, sondern auch Paulus‘ Versuch „menschlich zu reden“ (Röm 3,5; 6,19 u.ö.). Ebenso wichtig, wie wie zum Verzicht auf die großen Worte einzuladen, wäre auch transparent zu machen, woher diese „großen Worte“ stammen, warum diese Gemeinde, diese Hörenden oder auch diese Predigerinnen und Prediger mit anderen Worten sagen sollen, was sie sagen zu sagen haben.

    Irgendwann kann sich auch ein Elia vor der Konfrontation mit den scheinbar großen Vorstellungen von Gott nicht mehr verbergen. Unter einem Ginsterbusch kann ihn noch der Engel aufspüren. Um ihn aus seiner Höhle herauszuholen und um die als (prophetischen) Auftrag bemäntelte Rechtfertigung seines Tuns zu verändern braucht es in 1Kön 19,11-13 eine andere Begegnung. Die kol demama daqqa ist die fast überhörbare Stimme der Klage um das vergossene Blut derer, die auf einem anderen Berg zu Opfern eines mit Gewaltphantasien befeuerten religiösen Eifers wurden.4 Diese Konfrontation mit dem eigenen Tun markiert den Wendepunkt der Umkehr. Wer Gottes Stimme am Horeb, am Ursprung gehört hat, kann die eigenen Vorstellungen freibekommen von allen anderen Deutungen, Ansprüchen und Stimmungen. Wenn das Evangelium (Mk 9,2-8 par) das Hören auf Jesus in nächste Nähe zu Elia und Mose stellt, so verweist es zurück auf diese Begegnung am Horeb und auf die Bereitschaft, von dort oben immer wieder herunter zu kommen, denn: „Es gibt keine religiöse Rede, die nicht zögerte, stotterte, unbeholfen wäre. Es sei denn, man hielte die Sinnmaschine an und ließe aus Trägheit oder Feigheit die Übersetzungsrückstände weiter anwachsen. Dann spräche man klar und geradezu, freilich zu Hörern, die kein Sterbenswörtchen mehr verstünden.“5

    Peter Martins



  • Reaktionen in der Französischen Kirche zu Berlin

    Die Predigtreihe wurde im vorgeschlagenen Zeitraum in der Französischen Friedrichstadtkirche („Französischer Dom“) am Berliner Gendarmenmarkt von der Französischen Kirche zu Berlin, einer reformierten Personalgemeinde, durchgeführt. Offenbar hat die Predigtreihe auch predigtinteressierte Menschen aus anderen Gemeinden angezogen, so dass die Gottesdienste überdurchschnittlich gut besucht waren.

    In der Kerngemeinde rief die Reihe ein geteiltes Echo hervor. Wir haben ausgewählte Gemeindemitglieder darum gebeten, Reaktionen schriftlich zu formulieren. Einige begrüßten Idee und Anliegen der Reihe uneingeschränkt:

    Alle Beiträge ließen große Sorgfalt und bemerkenswerten Ideenreichtum der Verfasser erkennen. Es war erfrischend und wohltuend, über Probleme und Fragen des Menschen und des Glaubens überwiegend auf dem Boden des Konkreten zu hören, ohne sich an Worte unpräziser bzw. überholter Bedeutung zu stören! Dass unser christlicher Diskurs bei Vielen nicht mehr ankommt, fordert von uns auch eine umfangreiche Reflexion. Es ist höchste Zeit, die Sprache, die wir verwenden, unter die Lupe zu nehmen. Ich würde mir wünschen, dass es nicht bei einer vereinzelten Aktion bleibt, sondern dass es die Predigtsprache nachhaltig prägt, nicht im Sinne von Listen verbotener Worten, sondern von größerer Sorgfalt und Aufmerksamkeit bei den Formulierungen der Predigten, um inflationärer Gebrauch von Worthülsen zu vermeiden -Was ohnehin in unserer Gemeinde nicht der Fall ist! (Josepa Lleonart i Orri)

    Ich fand diese Predigtreihe eine hervorragende und originelle Idee, da der Verzicht auf „große Worte“ oder eingefahrene Routinen die Möglichkeit bietet, „das gleiche noch mal anders“ zu sagen und vielleicht zu denken. Ein Mehr durch Verzicht. Das schien mit eine gute Gelegenheit, die christliche Botschaft (die ja auch eine „frohe“ sein soll) auch Menschen näher zu bringen, die bislang nichts damit anzufangen wussten. Oder auch bei denen wieder Begeisterung zu entfachen, die in den manchmal ausgetretenen theologischen Sprachpfaden nichts mehr finden können. (Jerome Huwe)

    Verständnis für das mit der Reihe verbundene Anliegen, aber Zweifel, ob es durch den Verzicht auf die großen Worte erreicht werde, kennzeichnet andere Reaktionen:

    Ich bestreite nicht, dass zentrale theologische Begriffe in manchen Predigten ein theoretisches und inflationäres "Eigenleben" gewinnen können und Herz und Gemüt nicht mehr erreichen. Aber trotz des einleuchtenden Argumentes, dass auch die Hl. Schrift aus höchst unterschiedlichen Textsorten mit dementsprechenden Sprachstilen bestünde, hätte mir ein anderer Aus-Weg bei dieser Sachlage näher gelegen. Wir leben heute in einer globalisierten Welt. Warum nicht einige der zentralen theologische Grundbegriffe, die den drei großen monotheistischen Religionen - Christentum, Judentum und Islam - gleichermaßen zu Grunde liegen, in einer Predigtreihe wieder mit Sinn zu füllen, sie zu definieren - aber auch in ihrer Unterschiedlichkeit zu erfassen? Aber sie einfach wegzulassen, sie zu "fasten", ignoriert unser christliches Wertesystem und reduziert unser Leben auf pure "Endlichkeit" in einer rein säkularen Welt. (Dr. Melitta Rheinheimer)

    Das Problem bei den großen Worten ist ja zum einen, dass wir sie seit allzu langer Zeit verwenden, kollektiv seit vielen Jahrhunderten, sodass sie mitunter grau und lebensunkräftig aussehen, zum andern, dass wir ihre Bedeutung nicht präzise erklären können. Jedenfalls geht es mir so, dass die Bedeutung der Worte Gott, Barmherzigkeit, Gericht, Rechtfertigung etc., anders als die von Tisch und Stuhl und Haus, in meinem Kopf schwimmt und irrlichtert. So empfand ich als Zuhörer die Nötigung, auf diese Worte eine Zeitlang zu verzichten, als heilsame Nötigung zur Präzision und zum Beschreiten neuer Wege. Die Prediger/innen sind mit dieser Vorgabe sehr unterschiedlich umgegangen, was ich als hochinteressant empfand.

    Auf die Dauer freilich können wir, glaube ich, nicht auf „große Worte“ verzichten, da es zum Wesen des Menschen gehört, sich über das, was er vor Augen hat, im Geiste zu erheben und auch von solchen Dingen zu sprechen, die über das von ihm eindeutig Erfasste hinausgehen, und dazu bedarf es adäquaten Vokabulars: vieldeutigen Vokabulars für vieldeutige Dinge. Als Experiment, als Herausforderung war diese Predigtreihe aber allemal eine gute Sache. (Kilian Nauhaus)

    Ich habe aber doch sehr bezweifelt, ob man überhaupt bestimmte große Worte wie Gott, Glauben etc. vermeiden kann, wenn man über biblische Texte spricht oder gar predigt. Sind nicht alle diese Texte Zeugnis der Erfahrung, der Auseinandersetzung, des Glaubens und Nichtglaubens, des Ringens etc. des Menschen mit dem, was wir und Generationen vor uns unter dem Begriff Gott verstanden haben? Ich kann mir deshalb nicht vorstellen, dass man ohne diese Worte solche Texte lesen, zu verstehen zu suchen und für uns hier und heute aktualisieren kann. (…) - Andrerseits finde ich den Gedanken nachvollziehbar, die Verkündigung als Kern-Aufgabe der Kirchen von Begriffen und Versatzstücken zu reinigen, die wir nicht mehr mit konkretem Inhalt füllen können und die uns deshalb leer, überholt, fremd erscheinen. (Hans Jörg Duvigneau)

    Für Irritationen sorgte offenbar die Verortung der Predigtreihe unter das diesjährige Fastenzeitmotto „Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“. Dies mag dazu beigetragen haben, dass die vom Predigtzentrum veröffentlichte, exemplarische Liste der „großen Worte“ als strikte Verbotsliste interpretiert und kritisiert wurde.

    Dem uns am 9.1.2014 übermittelten Aufruf des „Instituts für evangelische Predigtkultur“ unter der Überschrift „Selber denken – Sieben Wochen ohne falsche Gewissheiten“, der dieser Reihe ja konzeptionell zugrunde lag, konnte ich nicht folgen. Denn er entspricht 1) weder meinem Verständnis vom erforderlichen Verhältnis des Predigers zu einem biblischen Text, noch kann ich 2) mit dem dort zugrunde liegenden Gemeindeverständnis konform gehen, und 3) ist mir das Hoffen auf ein „sprachreinigendes Fasten“ suspekt.
    1) Ich verstehe es in meiner im Wesentlichen an Karl Barth orientierten Theologie so, dass der Prediger zunächst einmal als Ausleger einsam mit dem Text ringt, auf ihn zu hören versucht und in allem auf den Heiligen Geist hofft; einen extern auferlegten Zwangsverzicht auf die „großen Worte“ (der Aufruf listet neben „Gott“ u.a. „Rechtfertigung“, „Gnade“, „Erlösung“ auf), kann ich deshalb nicht akzeptieren, und dies umso weniger, als sie jedenfalls im neutestamentlichen Zeugnis der unablässige Versuch sind, Gottes-Werk-für-uns zu umkreisen und für uns Menschen zu umschreiben.
    2) Die Gemeinde muss nicht um „falsche Gewissheiten“ gebracht werden, vielmehr soll sie in ihren Gottesdiensten die Frohe Botschaft als Zuspruch und Anspruch hören dürfen. Im Übrigen lässt sich wohl schwerlich ein biblischer Text finden, der nicht bereits aus sich selbst heraus die Möglichkeit einer Absicherung des Menschen vor Gott verneint.
    3) Die Hoffnung, dass nach siebenwöchigem Verzicht auf die sogenannten „großen Worte“ ein Neues Predigen herauskommen könnte, will ich nicht teilen, denn beim Auslegen und Predigen dürfen wir meines Erachtens einen selbstgewirkten Fortschritt letztlich nicht anstreben: Je weniger Fortschrittsgläubigkeit hier herrscht und je weniger hier nach Virtuosität gesucht wird, desto demütiger wird das Predigen bleiben und werden. (Dr. Kurt Anschütz)

    Andere, hier nicht wörtlich wiedergegebene Stimmen äußerten die Vermutung, mit dem Verzicht auf die großen Worte würde auch auf den mit diesen Worten bezeichneten Sinngehalt verzichtet werden. Die Ankündigung weckte also bei einigen die Befürchtung, die Reihe werde einer Trivialisierung der Predigt Vorschub leisten. Immerhin dokumentiert diese Kritik, dass von der Predigt durchaus „große Worte“ im Sinne einer tiefergehenden Rede erwartet werden.

    Andere Reaktionen unterstellten, die Predigtreihe verzichte mit den großen Worten grundsätzlich auf jede biblische Grundlage. Die in der Liste genannten Wörter werden alle als genuin biblische Begriffe gesehen. Dass einige der beispielhaft genannten „großen Worte“ im Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift allenfalls am Rande oder in nur wenigen Schriften vorkommen. (z.B. Freiheit, Erlösung, Rechtfertigung, Kreuz, Unendlichkeit, Umkehr, Versöhnung, Verkündigung, Nächstenliebe), konnte nicht allen deutlich gemacht werden. Es wird eine homiletische Kernaufgabe bleiben, die Sprachvielfalt biblischer Theologie wieder zu gewinnen und theologische Begriffe immer neu zu entfalten.

    Jürgen Kaiser und Meike Waechter